tiko Energy Solutions AG

  1. Frédéric Gastaldo leitet als CEO das Unternehmen seit der Gründung 2012.
  2. Das System tiko ist – örtlich unabhängig – steuer- und kontrollierbar mit dem Tablet, dem Smartphone oder dem Computer.

Intelligente Oltner Plattform heizt die Energiewende an

Die 2012 von der Swisscom gegründete tiko Energy Solutions AG wird neu vom französischen Konzern ENGIE kontrolliert. Ziel ist es, die Expansion in neue, internationale Märkte voranzutreiben. Der Standort Olten mit rund 50 hochqualifizierten Arbeitsplätzen soll erhalten bleiben.

Zwar wurde das Unternehmen tiko Energy Solutions AG bereits 2012 gegründet. Trotzdem herrscht im Geschäftshaus Hammer 1 an der Solothurnerstrasse 19 in Olten nach wie vor so etwas wie Start-up-Stimmung. Auf den Schreibtischen herrscht mittleres Chaos, Laptops und Computer überall, Bildschirme dominieren Wände, die meist jungen Mitarbeitenden diskutieren in Gruppen in Deutsch, Französisch oder Englisch. Auf zwei Stockwerken arbeiten 50 hochqualifizierte Softwareentwickler und Ingenieure aus 12 Nationen an Systemen, um den Energieverbrauch vorab in Privathaushalten und KMU deutlich zu senken sowie gleichzeitig die Netzstabilität zu verbessern.

Eigentlich sei das Unternehmen aber kein Start-up mehr, sondern bereits mit Produkten und Dienstleistungen erfolgreich auf dem Markt, erklärt Frédéric Gastaldo, CEO und Mitgründer der Energy Solutions AG. Der Umsatz liege im zweistelligen Millionenbereich, allerdings sei die Gewinnschwelle noch nicht erreicht worden. Ziel sei es, die nach der Atomreaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 hierzulande ausgerufene Energiestrategie 2050 zu unterstützen. Mit dem entwickelten System, genannt tiko und bestehend aus einer Steuerungs- und einer Kommunikationsbox, könne das Netzwerk intelligent auf Schwankungen reagieren. «Verbinden wir Elektrogeräte wie Heizungen oder Haushaltsbatterien mit dem Netz, die ihren Betriebszyklus leicht versetzt ausführen oder einen Energieüberschuss absorbieren können, sind wir in der Lage, die Schwankungen des Schweizer Stromnetzes aufzufangen», erläutert Gastaldo.

Produktion und Verbrauch im Gleichgewicht

Das System richtet sich auch an Liegenschaften mit einer Photovoltaikanlage. Falls die Solarstromproduktion durch schlechtes Wetter absinke, könne so der Verbrauch automatisch angepasst werden. Kurz: Die Solar-Heizsysteme oder Wärmepumpen verschieben ihren Heizzyklus leicht und heizen dann, wenn die Schwankung wieder ausgeglichen ist. Um den selbst produzierten Strom vor Ort speichern zu können, bietet das Unternehmen auch effiziente Batterien als Heimspeicher an. Die integrierte Lösung aus Heimbatterie, Photovoltaikanlage und Verbrauchssteuerung liefert überdies Regelenergie an den nationalen Netzbetreiber Swissgrid, so Gastaldo. «Aus dem Zusammenschluss möglichst vieler Wohnhäuser entsteht so ein virtuelles Kraftwerk.» Das System könne leicht und einfach über eine App auch von auswärts gesteuert werden.

Dank der Integration des Systems tiko steige die Energieeffizienz deutlich an. Der einzelne Verbraucher könne Strom und somit Kosten sparen. Zudem könne durch die Verbindung mit dem Netzbetreiber Swissgrid die Integration erneuerbarer Energie in die Stromversorgung erhöht werden. Die Oltner verkaufen das System nicht direkt an die Endkunden, sondern an die lokalen und regionalen Energieversorger, welche dann die Geräte bei den Haushalten installieren.

Neue globale Märkte im Visier

Die Erwartungen bei der Firmengründung waren hoch. «Zu hoch», wie Gastaldo eingesteht. Die Energiefirma wollte allein in der Schweiz über 70’000 Haushalte als Kunden gewinnen. «Aktuell sind es über 10'000 installierte Systeme.» Das habe auch damit zu tun, dass die volle Liberalisierung des Strommarktes verschoben wurde. Private Endkunden müssten so weiterhin den Strom des lokalen Elektrizitätswerks beziehen.

Die Energiewende verlaufe in der Schweiz derzeit eher «im Schneckentempo», meint Gastaldo. Nicht zuletzt deshalb baue man das internationale Geschäft aus. So kam es im vergangenen März zu einem entscheidenden Wechsel in der Eigentümerstruktur. In das seinerzeit von der Swisscom, dem Bündner Energieunternehmen Repower AG sowie dem heutigen Management gegründete Unternehmen ist der französische Energieriese ENGIE (frühere Gaz de France) bestimmend eingestiegen. ENGIE hält neu 45,9 Prozent am Unternehmen, Swisscom und Repower reduzierten ihre Anteile von 51 auf 28,8 Prozent respektive von 36 auf 19,8 Prozent. 5,5 (bisher 12) Prozent  bleiben in den Händen der tiko-Mitarbeitenden, wie der 55-jährige Geschäftsführer erklärt.

Mit dem neuen starken Partner ENGIE – Umsatz 65 Milliarden Euro, aktiv in 70 Ländern und weltweit über 12 Millionen Stromkunden –  könne die Internationalisierung vorangetrieben werden. Derzeit sei man vorab präsent in Deutschland, Frankreich und Österreich, europaweit seien rund 10'000 tiko-Systeme installiert. Bis Ende 2019 wolle man in Japan, Korea und Australien Fuss fassen.

Olten bleibt Standort

Auch nach dem Einstieg der Franzosen bleibe die tiko Energy Solutions AG in Olten stationiert, versichert Gastaldo, der seit 2003 bis zur Gründung von tiko für die Swisscom arbeitete, insbesondere als Mitglied der Geschäftsleitung der Swisscom Schweiz AG. Das hier angesiedelte Know-how sei sehr hoch. Allerdings sei es sehr schwierig, die richtigen Fachleute wie Software-Ingenieure zu finden. «Der Markt ist ausgetrocknet.» Nicht zuletzt deshalb gebe es Pläne, einen zweiten Standort in Europa aufzubauen. «Aber Olten bleibt.»

Text: Franz Schaible (im Auftrag der Wirtschaftsförderung), Juni 2019