Spotlight KMU

Wir haben hochspezialisierte und innovative KMU an unserem Wirtschaftsstandort Kanton Solothurn. Es ist Zeit, das Scheinwerferlicht in regelmässigen Abständen auf eines dieser Unternehmen zu richten:

Mowa Healthcare AG

  1. Jan-Hagen Schröder, CEO Mowa Healthcare AG: «Wir haben ein intelligentes und smartes Industrie-4.0-System für die untere Extremität entwickelt.»
  2. Die Unterschenkelorthese ist mit einem Sensor bestückt, welcher die Bewegungen von Fuss und Bein rund um die Uhr analysiert. «So erhält der Patient eine optimal angepasste Unterschenkelorthese», Jan-Hagen Schröder
  3. Dank der Mowa-3D-Shape-Software ist es möglich, die Bauteile im 3D-Druckverfahren günstig und rasch zu fertigen.

Gute Nachricht für Patienten mit Lähmungen im Unterschenkel

Das Solothurner Start-up Mowa Healthcare AG verspricht Hilfe für Patienten mit Lähmungen und Spasmen im Unterschenkel. Mit einem vollkommen neuartigen Orthesensystem will das Jungunternehmen deren Mobilität und Lebensqualität erheblich verbessern.

Die MedTech-Branche ist stark vertreten in der Wirtschaftsregion Solothurn und hat mit der Mowa Healthcare AG einen neuen und innovativen Vertreter dazugewonnen. «Anfangs wollten wir das Unternehmen in einem anderen Kanton aufbauen», erklärt Jan-Hagen Schröder, Gründer des Start-ups. «Aber die Solothurner Wirtschaftsförderung hat uns von den Vorteilen ihrer MedTech-Region überzeugt und sich sehr für unsere Ansiedlung hier engagiert», lobt Schröder die Behörden.  

Der Name Mowa leitet sich von modular walking ab und lässt damit schon ahnen, worum es dem Unternehmen geht. Konkret geht es um Orthesen und darum, Patienten damit wieder einen natürlichen Gang zu ermöglichen. Aber es seien eben keine herkömmlichen Orthesen. «Wir haben ein intelligentes und smartes Industrie-4.0-System für die untere Extremität entwickelt», erläutert der Unternehmer und illustriert die Idee mit einem Prototypen. Damit hätten die Mowa-Experten das Thema vollkommen neu gedacht.

Orthese wie ein «Massanzug»

Eine Orthese hilft, Gliedmassen und Rumpf zu stabilisieren und zu entlasten. Eine Prothese ersetzt eine fehlende Extremität, beispielsweise ein Bein, vollständig. Zwar seien Orthesen schon lange im Einsatz. Damit das Hilfsmittel die gewohnte Beweglichkeit aber wieder herstellen könne, müsse es möglichst genau passen, sagt Schröder. Dies sei leider oft nicht der Fall, weil sich Passform, Härtegrade der Materialien und Ausführungen der Orthesen nicht testen lassen. Auch körperliche Veränderungen könnten nicht berücksichtigt werden. Das führe dazu, dass Patienten oft Kompromisslösungen trügen, welche «letztlich im Schrank verschwinden», meint Schröder.

Mit dem Mowa-Orthesensystem soll der natürliche Gang speziell von Patienten mit Lähmungen und Spasmen der unteren Extremität, also des Unterschenkels wieder hergestellt werden. Davon könnten insbesondere Menschen nach einem Schlaganfall profitieren. Denn diese seien im Überlebensfall vielfach halbseitig gelähmt und oft lebenslang beeinträchtigt, weil einzelne Muskelgruppen einfach nicht mehr funktionierten.

Wertvoll sei die Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachhochschulen gewesen. Die Unterschenkelorthese ist mit einem Sensor, dem sogenannten Mowa-Gait-Analyse-Tool, bestückt, welcher die Bewegungen des Fusses und des Beins rund um die Uhr analysiert. Die Daten werden auf eine Cloud-Plattform geladen, welche von allen Beteiligten, wie Arzt, Orthopädietechniker und Patient, bei Bedarf eingesehen werden können. Bei der Probeversorgung können verschiedene Härtegrade und Ausführungen der Orthese, die aus unterschiedlichen austauschbaren Modulen besteht, dem Patienten massgenau angepasst werden. Aufgrund der laufend erfassten Daten können die einzelnen Teile auch nachträglich individuell verändert werden. «So erhält der Patient eine optimal angepasste Unterschenkelorthese», hält Schröder fest.

Dank einer ebenfalls inhouse entwickelten Mowa-3D-Shape-Software sei es möglich, die Bauteile im 3D-Druckverfahren günstig und rasch zu fertigen. In Europa und in den USA sei das gesamte System patentrechtlich geschützt und die Marke Mowa registriert. Inzwischen habe man, so Schröder, einen Vertrag mit einer spezialisierten Schweizer Firma unterzeichnet, welche die Teile aus Carbon industriell fertigen kann. Im übrigen trage die neue Orthese das «Swiss-Made»-Label, weil sämtliche Teile hierzulande produziert werden. In der Mowa Healtcare AG seien sämtliche Entwicklungs-, Vertriebs-, Marketing- und Schulungsaktivitäten angesiedelt.

Spin-off der orthopunkt AG

Jan-Hagen Schröder verfügt über eine langjährige Berufserfahrung sowie eine umfassende Fachausbildung und kennt die Probleme herkömmlicher Orthesen sowie die Bedürfnisse der Betroffenen nur zu gut. Er ist ausgebildeter CPO (Certified Prosthetist and Orthotist), Diplom-Orthopädie-Techniker-Meister und Experte für Neuroorthopädie. 2003 gründete der heute 42-Jährige mit mehreren Partnern die orthopunkt ag in Solothurn, einen Gesamtanbieter für den Orthopädietechnikbereich mit Niederlassungen in Burgdorf, Thun und Rothrist. Die Firma mit rund 20 Mitarbeitenden gehört ihm heute zu 100 Prozent. Die Mowa Healthcare AG ist ein Spin-off, also eine Ausgliederung der orthopunkt ag.

Im ersten Quartal 2019 sind in Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Basel Studien über die Alltagstauglichkeit der Orthese geplant. «Den Markteintritt mit exklusiven Direktvertriebspartnern haben wir dann in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich für das dritte Quartal 2019 vorgesehen», blickt Schröder nach vorne. Das Marktvolumen alleine in Europa beziffert er auf einen zweistelligen Millionen-Betrag.

Das Projekt werde von der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung sowie der Berner Stiftung für technologische Innovation STI unterstützt. Weitere Hilfe leistet die Berner Technologieschmiede Innocampus AG in Biel, an welcher der Kanton Solothurn beteiligt ist. Bislang habe man rund eine Million Franken in die Entwicklung investiert, so Schröder, der derzeit rund 90 Prozent der Firmenanteile besitzt. Für den weiteren Ausbau und die Internationalisierung sowie für die Erweiterung der Produktfamilie im Bereich der Neuroorthopädie sucht Schröder zusätzliche Finanzierungspartner. Auch hierbei sei man durch die Solothurner Wirtschaftsförderung tatkräftig unterstützt worden. Erste größere Investoren konnten dadurch bereits gewonnen werden.

Text: Franz Schaible (im Auftrag der Wirtschaftsförderung), März 2019